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Wahrnehmen statt Interpretieren -
Plädoyer für eine andere Art des Aktiven Zuhörens
Feedback braucht Klarheit
Die Tür geht auf, herein rauscht der Mitarbeiter Müller. Ein
fröhliches Gesicht macht er nicht gerade. Und tatsächlich: Auf den
Tisch des Abteilungsleiters klatscht ein Paket voller Schriftstücke.
Müller knirscht mit den Zähnen: "So kann man doch hier nicht
arbeiten!" Der Chef weiß: Jetzt kommt's nicht nur darauf an,
herauszufinden, was genau das sachliche Problem ist. Es gilt
außerdem, sich um Müllers Befindlichkeit zu kümmern.
Was fällt jeder seminarerprobten Führungskraft in diesem
Moment ein? Richtig: Das "Aktive Zuhören".
Schließlich lehrt
inzwischen nahezu jedes Kommunikationstraining
diese verdienstvolle Methode. Aus gutem Grund. Erstens
ist sie nicht weniger als eine Grundlage effektiver
Kommunikation. Und zweitens ist es eine, mit
der sich ambitionierte Führungskräfte zuweilen
schwer tun - immerhin müssen sie beim Aktiven
Zuhören ihr eigenes Ich in den Hintergrund stellen.
Sich in den Gesprächspartner einfühlen
Aktives Zuhören heißt, sich in seinen Gesprächspartner
einzufühlen, um ihm dann mit eigenen Worten
wiederzugeben, was man erstens sachlich und
zweitens emotional von ihm verstanden hat. Eine prima
Sache, oder? Prinzipiell schon - wenn nur nicht
immer der gleiche Fehler gemacht würde. Denn vor
lauter Einfühlung geht oftmals die Klarheit in der Ich-Du-Beziehung zwischen den beiden Gesprächspartnern
völlig verloren. Die Kommunikation verläuft oft
auf der Basis von Interpretationen statt von Wahrnehmungen,
und das dient weder dem Gesprächsverlauf
noch der Problemlösung.
Aber zunächst einmal das Positive. Eine Führungskraft,
die aktiv zuhört, muss die eigenen Bedürfnisse
und Interessen für eine begrenzte Zeit in den Hintergrund
stellen, um sich ganz auf das Anliegen des
Gesprächspartners zu konzentrieren. Und sie muss
diesem aktiv Feedback geben - auf der sachlichen
und emotionalen Ebene. Zu achten ist dabei nicht
nur auf das, was der andere sagt, sondern auch darauf,
wie er spricht und sich verhält. Die Grundhaltung
des "Aktiven Zuhörers" ist die des einfühlenden
Verstehen-Wollens. Man versucht, die Welt aus
den Augen des anderen zu sehen - ein Perspektivwechsel
also. Der aktive Zuhörer vermittelt seinem
Gegenüber: "Ich habe nicht nur verstanden, was du
sagst, sondern auch, wie du es meinst und wie dir dabei
zumute ist." Grundlegende Voraussetzungen für
das Gelingen sind das echte (nicht gespielte!) Interesse
für den anderen, die Bereitschaft, seine Botschaft
aufzunehmen, sowie die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse
und Sichtweisen zeitweilig im Hintergrund
zu lassen.
Beim Aktiven Zuhören werden in der Regel drei Stufen
unterschieden (siehe Schulz von Thun und Gordon)
und entsprechende Verhaltenweisen eingeübt.
Auf der Stufe 1 geht es um die Beziehungsebene,
um die Bedeutung der Aufmerksamkeitssignale.
Wer aktiv zuhört, hält Blickkontakt, wirft ein "Aha",
ein "Ja" oder ein "Hmm" ein. Damit wird dem Gesprächspartner
signalisiert: "Ich bin jetzt ganz Ohr für
dein Anliegen".
Auf der Stufe 2 geht es um die Sachebene, das
inhaltliche Verständnis. In einem kontrollierten Dialog
gibt der aktive Zuhörer seinem Gegenüber in eigenen
Worten zurück, was er inhaltlich mitbekommen
hat. Er paraphrasiert sozusagen das Gehörte
und lässt sich die Richtigkeit bestätigen beziehungsweise
sich korrigieren.
Stufe 3 spricht die emotionale Ebene an, hier
werden Gefühle verbalisiert. Nicht die eigenen, sondern
die des anderen ("Sie sind sehr ärgerlich.").
Sich nicht in Fallstricke verwickeln
Der zentrale Punkt beim Aktiven Zuhören ist also das
Feedback auf der inhaltlichen und emotionalen Ebene.
So weit, so gut. Was den Inhalt der Kommunikation
angeht, gibt es an der Methode auch wenig zu
bemängeln. Doch gerade beim Feedback auf der
emotionalen Ebene hält das Aktive Zuhören allerhand
Fallstricke bereit, in denen sich die Gesprächspartner
im Alltag immer wieder verwickeln. Das Hauptproblem:
Häufig verwischt die notwendige Klarheit der
Ich-Du-Beziehung in der Kommunikation. Die kann
eigentlich nur derjenige sauber aufrecherhalten, der
im Gespräch mit Ich-Botschaften arbeitet. Das findet
indes in der klassischen Form des Aktiven Zuhörens
nicht statt. Zur Illustration hier zwei Beispiele aus
Thomas Gordons Buch "Managerkonferenz".
Beispiel 1:
"Sender: Was soll es bringen, wenn hier alles verändert
wird?
Hörer: Sie sind sehr entmutigt."
Beispiel 2:
"Sender: Verdammt! Warum bekomme ich keine einwandfreien
Pläne aus dem Konstruktionsbüro?
Hörer: Sie sind ärgerlich, weil Sie in den Plänen Fehler
finden."
Klare Verhältnisse schaffen
Möglicherweise wird die Stimme des aktiven Zuhörers
am Ende der Aussage fragend in die Höhe gehen.
Oder er hängt gar ein "nicht wahr?" am Schluss
an. Dennoch: Diese Antworten sind allesamt Du-Botschaften
im Sinne von Vermutungen, was die Gefühlslage
der Sender betrifft. Die sind nicht immer begeistert
von solchen Interpretationen. Im wirklichen
Leben reagieren viele Menschen negativ auf das, was
ihnen wie eine Unterstellung vorkommen mag. Übrigens
eine sehr gesunde Reaktion: Sie zeugt davon,
dass zumindest einer der Gesprächspartner lieber
klare Verhältnisse hätte.
Will die der aktive Zuhörer nicht auch haben? Sicherlich
- doch in der Praxis fehlt ihm oft die Bewusstheit,
dass es ausschließlich seine höchst eigenen
Vermutungen oder Interpretationen sind, wenn er Aussagen
über die Gefühle seines Gesprächspartners
trifft. Er stellt lediglich Hypothesen auf, wenn er wie im
Beispiel oben feststellt "Sie sind entmutigt" oder "Sie
sind ärgerlich". Dass dies in der Praxis so gehandhabt
wird, ist auch eine Folge von den oft sehr nebulösen
Trainingsanleitungen wie "sich hineinfühlen", "in Worte
fassen, was gefühlsmäßig mitschwingt", "zwischen
den Zeilen versteckte Botschaften des Gesprächspartners
aufnehmen" oder "dem anderen aus dem
Herzen sprechen". Wie, bitte, funktioniert das genau?
Die sinnlich wahrnehmbare Grundlage solcher Interpretationen
(hängende Schultern, eine spannungslose
Haltung oder geballte Fäuste, eine laute
Stimme) bleibt im Dunkeln, für den Sender genauso
wie für den aktiven Zuhörer.
Schlimmer noch: Es wird
Zu achten ist nicht nur auf das, was der
andere sagt, sondern auch darauf, wie er
spricht und sich verhält.
in vielen Fällen gar nicht mehr unterschieden zwischen
der Sinneswahrnehmung (was ich beim anderen sehe)
und der Interpretation (was ich mir dazu denke). Beides
wird großzügig in einen Topf geworfen, was die Illusion
erzeugt, man könne die Gefühle des Gegenübers
wahrnehmen. "Diese 'Gefühlsvermutung' kann ich als Zuhörer
auch dann anstellen, wenn der Gesprächspartner
seinen Ärger selbst noch nicht ausgesprochen, aber für mich wahrnehmbar
ausgedrückt hat, zum Beispiel durch seinen
Tonfall oder durch seine Körpersprache", schreibt auch
Friedemann Schulz von Thun. Aber Vorsicht: Der Ärger
des Gegenübers ist nicht wahrnehmbar - ebenso
wenig wie Resignation, Aggression oder sonstige Gefühle.
Wahrnehmbar ist allein der Tonfall, den man
hört, und die Körpersprache, die man sieht. Diese
Fremd-Wahrnehmungen kann der Zuhörer dann lediglich
als Ärger interpretieren.
Diese Interpretationen laufen oft über einen Vorgang,
der ebenfalls in der Regel unklar bleibt: nämlich
über die persönliche Identifizierung des Zuhörers.
Grob gesagt denkt er sich in die Vorstellungswelt
des Senders hinein, passt sich vielleicht sogar
an Körperhaltung, Stimmlage und Atmung an - und
nimmt Emotionen an sich selbst wahr, die er dem
Gegenüber dann quasi "unterstellt".
Eine klare Sprache muss sein
Nach so viel Kritik ein Satz zur Klarstellung: Es geht
nicht darum, das Aktive Zuhören als Ganzes zu verteufeln.
Aber es geht darum, Klarheit in den Köpfen
der Beteiligten und auch auf der sprachlichen Ebene
herzustellen. Das ist nicht nur wichtig fürs Feedback,
sondern generell unabdingbar für eine effektive
Kommunikation. Das klassische Aktive Zuhören
ist jedoch, was die emotionale Ebene angeht, eine
sehr unklare Kommunikation mit zu viel Interpretation,
ohne dass diese dem Sender und dem Zuhörer
bewusst ist. Und: Der Zuhörer hält seine eigene Persönlichkeit,
sein eigenes Ich aus der Kommunikation
heraus. Dadurch gehen wertvolle Feedback-Informationen
für den Sender verloren.
Dabei wäre es relativ einfach, das Problem zu
lösen. Der aktive Zuhörer braucht erstens eine interpretationsfreie
Fremdwahrnehmung und zweitens
eine klare und genaue Sprache.
Wie intensiv sich der Coach auch in
seinen Klienten hineinversetzen mag,
wie gut er auch wahrnehmen und
imitieren kann - es sind immer seine
eigenen Gefühle, die er dabei spürt.
Er muss unterscheiden
zwischen dem, was er hört und sieht, und
zwischen dem, was er sich dazu denkt oder was er
selbst fühlt. Und in dieser Genauigkeit muss er es auch
schildern, wenn er seinem Gegenüber Feedback gibt.
Dann wird aus dem Satz "Sie sind ärgerlich" der Hinweis
auf Wahrnehmungen wie "Ich sehe, dass Sie
beide Hände zu Fäusten
ballen" oder "Sie reden
sehr schnell. Ich kann
Ihnen kaum folgen". Gegen
die anschließende
Frage "Sind Sie wütend?"
ist übrigens
nichts einzuwenden;
eine Frage kann der
Sender mit "Ja" oder
"Nein" beantworten, sie
wirkt nicht suggestiv wie die Aussage aus den oben
genannten zwei Beispielen.
Diese Vorgehensweise hat Vorteile für beide Seiten.
Der Feedback-Geber macht sich die sinnlich
wahrnehmbare Grundlage seiner Interpretationen
bewusst. Indem er sie transparent macht und mitteilt,
erhält sein Gesprächspartner wertvolle Informationen.
Anhand derer fällt es ihm leichter, seine Gefühle zu
erkunden und zu benennen.
Besser noch: Die eigenen Interpretationen erst
einmal beiseite stellen und statt dessen nachfragen,
was das Feedback über die körpersprachlichen Wahrnehmungen
beim Sender auslöst. Oft ist es gar nicht
so nützlich, wenn der Zuhörer auf die Schilderung
seiner Beobachtungen sofort eine Mutmaßung draufpackt
- selbst wenn sie als solche deutlich gekennzeichnet
ist. Auf dem Gestalt-Ansatz basierendes
Coaching zum Beispiel legt viel Wert darauf, dass
die gecoachte Person selbst herausfindet, was ihr
Stimmklang oder eine bestimmte Gestik für sie bedeutet
("Ich sehe, dass Sie die Hände zu Fäusten
ballen. Wie fühlen Sie sich dabei?"). Feedback ist gut
- aber zu schnelles und zu ausgiebiges Füttern ist
schlecht. Und aus dem verschwommenen "sich einfühlen"
in den Gesprächspartner kann bei entsprechender
Klarheit in der Methodik durchaus ein wertvolles
Arbeitsinstrument werden, gerade auch für
Trainer und Coaches. Diese von uns "Identifikatorisches
Fühlen" genannte Feedback-Technik ist eine
sehr gute Grundlage für das Verstehen des anderen
und auch für "Gefühlsvermutungen".
Das bewusste Sich-Identifizieren mit dem Gegenüber,
indem man seine Haltung, seine Atmung, seine
Körpersprache übernimmt, führt oft zu aufschlussreichen
Reaktionen beim Zuhörer, die er dem
Sender dann übermitteln kann. Beispiel: "Wenn ich
in dieser Körperhaltung am Tisch sitze und ganz wenig
atme, dann fühle ich mich klein und beengt. Wie
ist das bei Ihnen?" Eine klare Ich-Du-Beziehung, ein
wertvolles Feedback. Die gecoachte Person bekommt
eine genaue Rückmeldung über ihre Körpersprache
und kann herausfinden, mit welchen Gefühlen sie
einhergeht. Der Coach wiederum nimmt sich beim
Identifikatorischen Fühlen die Zeit, sich nicht nur
mental in die Situation der gecoachten Person hineinzudenken,
sondern sich ganz real in ihre wahrnehmbaren
Körperprozesse einzufühlen, indem er
möglichst viel übernimmt: Atmung, Haltung, Blickverhalten,
Ton, Modulation. Dadurch gelangt der
Coach in der Regel zu einem umfassenderen Verständnis,
als wenn er sich nur "mental einfühlt".
Befindlichkeit abfragen
Wichtig für die Beziehungsklarheit: Wie intensiv sich
der Coach auch in seinen Klienten hineinversetzen
mag, wie gut er auch wahrnehmen und imitieren
kann - es sind immer seine eigenen Gefühle, die er
dabei spürt. Auch wenn er dadurch vielleicht näher
an die Emotionen seines Gegenübers kommt, sind
und bleiben es doch nur Hypothesen und Vermutungen.
Der Coach muss also immer wieder beim
Klienten dessen Befindlichkeit abfragen. Und er muss
sich natürlich rechtzeitig wieder de-identifizieren,
wieder zu seinem eigenen Ich zurückkehren - sonst
ist es vorbei mit der klaren Ich-Du-Beziehung und
die Konfluenz vorprogrammiert. Um das Instrument
des Identifikatorischen Fühlens professionell und
erfolgreich anwenden zu können, bedarf es eines
längeren Lernprozesses. Aber das ist wieder ein anderes
Thema.
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